Simone Keller, Pianistin
Simone Keller, Pianistin

Dauerten wir unendlich
So wandelte sich alles
Da wir aber endlich sind
Bleibt vieles beim alten.

— Bertolt Brecht, 1956

Bertolt Brechts letztes Gedicht beschreibt in vier Zeilen eine fundamentale Spannung: das Verhältnis von Veränderung und Beharrung, von Zeit­lichkeit und Struktur. In der Musik begegnet uns diese Spannung im Begriff des Ostinato, einem sich stetig wieder­holenden Motiv oder einer rhythmisch-harmonischen Figur, die einen Klang­raum durch­zieht, oft unablässig, manchmal kaum bewusst wahr­nehm­bar.
Das Ostinato kann Halt geben. Seine Wieder­holung schafft Orientierung, einen Puls, der Sicher­heit ver­mittelt. In seiner Beharr­lich­keit ent­faltet es eine körperliche und kollektive Qualität: Atem, Schritt, Herz­schlag. Wieder­holung kann aber auch zur Er­starrung werden, wenn Muster un­reflektiert per­petu­iert werden – musikalisch wie gesell­schaft­lich. Ein Motiv, das nicht mehr be­fragt wird, wird zur Struktur, die sich selbst stabilisiert.
«Canto Ostinato» von Simeon ten Holt ist para­digma­tisch für die produktive Offen­heit des Ostinato-Prinzips. In modularen, frei kombinier­baren Ab­schnitten an­gelegt, erlaubt es unter­schiedliche Dauern, Wieder­holungs­zahlen und dynamische Ent­wicklungen. Die Interpret:innen treffen in Echt­zeit Ent­scheidungen über Form­verlauf, Pro­portion und Dramaturgie. Das Ostinato wird hier nicht als starres Muster, sondern als atmende Struktur er­fahr­bar. Zeit dehnt sich, ver­dichtet sich, ver­liert ihre Ziel­gerichtetheit. Für einen Transit­raum wie den Zürcher Haupt­bahnhof oder den Winter­thurer Rat­haus­durch­gang ent­steht dadurch eine besondere Konstellation: Musik, die keinen klar definierten Anfang und kein zwingendes Ende kennt, sondern als Klang­kontinuum in den Raum tritt – offen für zufällige Begegnungen.
Für klassische Musiker:innen, die sonst in klar definierten Konzert­settings arbeiten, bedeutet dieser Kontext eine bewusste Ver­schiebung. Es geht nicht um die Über­tragung von Konzert­musik in den Stadt­raum im Sinne von «Strassen­musik», sondern um eine ernst­hafte Aus­einander­setzung mit einem anderen Hör- und Aufführungs­modus. Die gewohnte Trennung zwischen Bühne und Publikum, zwischen Auf­merksam­keit und Nebenbei-Hören, wird dabei nicht auf­ge­hoben, aber durch­lässig gemacht.
Eine besondere Dimension erhält das Projekt durch die Zusammen­arbeit der 46-jährigen Pianistin Simone Keller mit dem 80-jährigen Pianisten Roger Girod. Vor über zwanzig Jahren lernte Simone Keller – ehemalige Studentin von Roger Girod – durch ihn «Canto Ostinato» kennen. Dass die beiden dieses Werk nun gemeinsam im öffentlichen Raum auf­führen, ist mehr als eine künstlerische Zusammen­arbeit, es ist ein generationen­über­greifendes Kontinuum.